Stärkung der Rolle von Frauen
Neben der Förderung von Schulbildung vor allem in abgelegenen Gebieten Nordtansanias ist die Stärkung der Rolle von Frauen in der Massai-Kultur ein Schwerpunkt der Arbeit von upendo. Die damit verbundenen kulturellen Entwicklungen können und dürfen wir nicht aus dem fernen Europa steuern, die müssen von engagierten Einheimischen initiiert und durchgeführt werden. Sie sind mit der Kultur ihrer Mitmenschen eng vertraut und werden von ihnen akzeptiert und geschätzt. Wir sind froh, dass wir mit unserer Partnerorganisation ECLAT kompetente und engagierte Einheimische haben, die ihren Mitmenschen aus Armut und Rückständigkeit heraushelfen wollen. In diesem Informationsbrief berichten wir über verschiedene Aspekte der Frauenarbeit von ECLAT, aber auch über die Familienplanungskampagnen.
Die neue Sekundarschule Tukuta für Mädchen
Eine Schule nur für Mädchen mag uns als nicht mehr zeitgemäß vorkommen, im Simanjiro-Distrikt aber ist sie das Gegenteil. Die neue Sekundarschule bietet den Mädchen aus dem Distrikt nach dem Primarschulabschluss die Chance auf eine schulische Weiterbildung in einem geschützten Rahmen. Als Internatsschule können dort Mädchen aus dem ganzen Distrikt leben und lernen, egal wie weit weg ihr Zuhause liegt. Schulbildung wird traditionell bei den Massai als wenig wichtig angesehen, ganz besonders aber für Mädchen. Die Schule ist daher auch ein weit sichtbares Zeichen auch in der weiter entfernten Gesellschaft, dass nunmehr selbst weiterführende Schulbildung für Mädchen im Distrikt möglich ist. Nach weniger als einem Jahr Bauzeit konnten Anfang dieses Jahres die erste Eingangsklassen mit dem Unterricht beginnen. Die offizielle Schuleröffnung feierten wir bald danach im Mai. Es war bewegend zu erleben, wie begeistert die Mädchen ihre Ausbildungsmöglichkeit an der Sekundarschule Tukuta angenommen haben. Sie wissen sehr genau, dass sie alternativ traditionsgemäß zwangsverheiratet worden wären. Besonders hat uns berührt, dass selbst einige der Väter sich offen für die weiterführende Schulbildung ihrer Töchter aussprachen; das wäre vor ein paar Jahren nicht denkbar gewesen. Die Bauarbeiten an der Schule gehen weiter, in den nächsten Wochen werden wir die Mehrzweckhalle eröffnen, die als Mensa und für gemeinsame Veranstaltungen dienen soll. Und bis zum kommenden Januar müssen die notwendigen Gebäude fertig sein, damit zum Beginn des neuen Schuljahres die Mädchen der neuen Eingangsklassen den Unterricht beginnen können.
Herstellung von Binden – ein neues Projekt für eine Frauengruppe
Viele Mädchen und junge Frauen bleiben während ihrer Menstruation dem Unterricht fern, da ihnen keine Hygieneartikel zur Verfügung stehen. So verpassen sie im Laufe der Zeit einen erheblichen Teil des Unterrichts und viele können schulisch nicht mithalten. ECLAT hat in den vergangenen Monaten eine neue Frauengruppe gebildet, die wiederverwendbare Binden herstellen und vermarkten will. Einige der Frauen haben am Young Women Training Center von ECLAT Nähen gelernt („Tailoring and Textile Design“). Vorerst werden sie in einem Raum am ECLAT-Frauenzentrum Binden herstellen, denn der Staat Tansania verlangt aus verständlichen Gründen dafür die Einhaltung hoher Hygiene-Standards. Die Leiterinnen und Mentorinnen der Frauenarbeit von ECLAT werden die Frauen in den kommenden Monaten intensiv in der Herstellung und Vermarktung von Binden zu einem erschwinglichen Preis schulen. Der Bedarf bei den Mädchen und jungen Frauen an den Schulen und in den Dörfern ist jedenfalls groß. ECLAT wird die Gruppe aber auch noch eine ganze Zeitlang begleiten und beraten, wenn sie „auf eigenen Füßen steht“.
Die Familienplanungskampagnen von ECLAT zeigen Wirkung
Seit 2022 führt ECLAT in den Dörfern im Simanjiro und angrenzenden Distrikten Familienplanungskampagnen durch. Traditionell überlassen Massai-Männer die Pflege und Erziehung der Kinder den Frauen. Da die Kindersterblichkeit heutzutage gering ist, haben die Frauen oft so viele Kinder, dass sie sie kaum versorgen, geschweige ihnen Kleidung, Gesundheitsversorgung oder gar Bildung bieten können. Frauen fragen daher nach Möglichkeiten zur Geburtenregelung, während die Männer über viele Kinder stolz sind. Die Familienplanungskampagnen richten sich daher vor allem an die Männer. ECLAT klärt dabei über die Risiken einer stark wachsenden Bevölkerung bei begrenzten Umwelt-Ressourcen und Möglichkeiten zur Geburtenregelung auf. Die Anwesenheit der Ältesten als traditionelle Meinungsführer und ihre Unterstützung tragen ganz erheblich zur Akzeptanz der Kampagnen bei. Die individuelle medizinische Beratung und Behandlung erfolgt an den lokalen Gesundheitsstationen: der Staat Tansania stellt Mittel zur Geburtenregelung unentgeltlich zur Verfügung. Umfragen in den Dörfern, in denen solche Kampagnen abgehalten wurden, haben bereits im vergangenen Jahr ergeben, dass die Kenntnis über Möglichkeiten zur Geburtenregelung in der Bevölkerung deutlich gestiegen ist, wie auch deren Akzeptanz. Eine weitere Umfrage Anfang dieses Jahres an den Gesundheitsstationen hat bereits weniger Geburten in diesen Dörfern im Vergleich zu solchen abseits der Kampagnen gezeigt. Ein Beleg für uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind und ein Grund, in unseren Bemühungen um ein nachhaltiges Bevölkerungswachstum bei den Massai Tansanias nicht nachzulassen.
Was Bildung einer jungen Massai-Frau bedeutet
Im Oktober 2024 wurde der Abschluss des Pilotprojekts zum Young Women Training Center mit einem großen Fest gefeiert. Eine der damaligen Absolventinnen war Magdalena Gabriel Porokwa. Heute ist sie 24 Jahre alt und lebt weiter in Emboreet.
Zu ihrer schulischen Laufbahn berichtete Magdalena, dass sie die Sekundarschule in Emboreet bis zur Form 4 besuchte (Realschulabschluss). Gerne wäre sie länger geblieben, aber ihre Noten reichten hierfür nicht aus, so dass sie 2020 die Schule verließ. Sie war hoch erfreut, als sie dann 2023 die Gelegenheit erhielt, am neuen Young Women Training Center von ECLAT ihre Ausbildung fortzusetzen. Sie besuchte den Ausbildungszweig „Tailoring and Textile Design“ und lernte dementsprechend unter anderem Nähen und die Gestaltung von Kleidern. Sie berichtete stolz, dass sie den Kurs als Drittbeste abgeschlossen hat.
Heute kann sie sich mit ihren Näharbeiten im Wesentlichen selbst versorgen. Auf Bestellung fertigt sie neue Kleidung an und nimmt Reparaturen vor. Hierbei ist sie dankbar, dass sie zum Abschluss ihrer Ausbildung eine Nähmaschine als Starthilfe erhalten hat. Zusätzlich verkauft sie Schuhe und Zubehör. Sie wies aber auch daraufhin, dass die Gewinnung von Kunden für sie schwierig sei. Sie sei auf mündliche Empfehlungen angewiesen, da sie sich keine eigenen Geschäftsräume leisten könne.
Zurzeit lebt sie noch bei ihrem Vater und ihrer Stiefmutter. Ihre leibliche Mutter ist seit Längerem verstorben. Eines Tages möchte auch sie eine eigene Familie gründen. Ihren Mann will sie in jedem Fall selbst aussuchen, was von ihrem Vater akzeptiert werde. Dass sie gegenwärtig noch unverheiratet und ohne Kinder sei, stelle für sie kein Thema dar. Zunächst möchte sie für sich selbst eine eigene Existenz gründen.
Wir haben ihr viel Erfolg auf ihrem weiteren Weg gewünscht und werden sicherlich weiter beobachten, in welche Richtung sie sich entscheiden und entwickeln wird.
Das Interview führte Dr. Karsten Faulhaber am 23. Februar 2026
Fotos: Karsten Faulhaber, Fred Heimbach
Layout: Heike Ponge




